Mittwoch, 13. November 2013

Bücherhallen - eine hamburgische Lovestory

Als es das Internet noch nicht gab, waren für mich die Filialen der öffentlichen Büchereien der Inbegriff von Informationsfülle. Dieser altehrwürdigen Institution habe ich einige der spannendsten Stunden meiner Jugend zu verdanken.



Obwohl bei uns Geld immer knapp war, habe ich mich niemals arm gefühlt, denn ich konnte ja auf einen ungeheuren Reichtum an aufregenden Romanen zurückgreifen - mehr, als ich in einem Leben jemals würde lesen können. Insgeheim träumte ich damals schon davon, Autor zu werden. Aber zunächst fand ich es angenehmer, mich durch ganze Stapel von Werken anderer Schriftsteller zu lesen. Jede Woche holte ich mir entweder aus der Filiale am Mundsburger Damm oder aus der Zentrale, die damals noch nicht am Hühnerposten war,



meinen neuesten Lesestoff. Allerdings habe ich mir damals schon eine Ungeduld und Rigorosität antrainiert, die mich noch heute im Umgang mit Ebooks prägt: Die ersten 20 Seiten eines Romans rocken nicht? Dann aber nicht die Zeit mit dem Rest verschwenden. Damals brachte ich solche Schnarch-Schmöker einfach zurück zur Ausleihe. Und heute? Einmal schnell auf "vom Gerät löschen" geklickt, und der Keks ist gebissen.

Übrigens ist das öffentliche Bibliothekswesen natürlich eine durch und durch demokratische und aufklärerische Angelegenheit, weswegen ich den Niedergang von Bibliotheken mit gemischten Gefühlen sehe. In gewisser Weise hat heutzutage der Ebook-Reader die Aufgaben einer Bücherhalle übernommen, jedenfalls bei mir. Und wer sich nicht von kommerziellen Anbietern abhängig machen will, findet auch bei Projekt Gutenberg und ähnlichen Non-Profit-Organisationen jede Menge Lesestoff.

Montag, 11. November 2013

Grusel im November

Heute bin ich mal in Geberlaune und veröffentliche deshalb einfach folgende Kurzgeschichte:


Kirmestypen

Gruselgeschichte von Martin Barkawitz

 Die Achterbahn vom alten Elias war das lausigste Fahrgeschäft, auf dem ich jemals geschuftet hatte. Aber was sollte ich machen? Auf dem Jahrmarkt in K. hatte es Zoff gegeben - mein Temperament, meine schnelle Klinge und viel Blut waren im Spiel gewesen. Elias hatte keine Fragen gestellt und auch keine Lohnsteuerkarte sehen wollen (die ich sowieso nicht hatte). Außerdem besaß der alte Knabe einen sechsten Sinn für Schwarzarbeitsfahnder.

Wenn diese Chorknaben aufkreuzten, hatten die anderen Malocher und ich schon die Biege gemacht. Na ja - dafür zahlte der Alte unter allen Schaustellern auch die niedrigsten Hungerlöhne. Und Kost und Logis

bestand bei ihm in Tütensuppen und einer verwanzten Matratze im überfüllten Wohnwagen.

 
Wir waren jedenfalls weitergezogen und hatten die Achterbahn auf dem Kirmes-Gelände in F. aufgebaut. Am zweiten Tag haute Diego ab. Er wollte es wieder als Messerwerfer versuchen, obwohl er immer noch auf Alk-Entzug war und seine Hände verdammt zitterten. Naja, nicht mein Problem. Ich war ja nicht die blonde Puppe, die sich vor die Zielscheibe stellen durfte.

 
Der alte Elias musste also einen neuen Mann einstellen. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis er Benny aufgetan hatte. Ich konnte den Kerl vom ersten Moment an nicht ausstehen. Benny machte einen auf dicke Hose, wenn Sie verstehen. Ein Großmaul mit Sonnyboy-Lächeln. Man fragte sich natürlich, warum er für drei Euro die Stunde in einem Fahrgeschäft schuften wollte, wenn er so ein Gewinner war. Das heißt, ich fragte mich das. Die anderen ließen sich von seinen Scheißsprüchen einlullen.

 
„Das hier habe ich aus Algier“, sagte er in der Frühstückspause und präsentierte ein Tattoo auf seinem linken Unterarm. „Der Privat-Tätowierer von Al Rash hat es mir gestochen. Das ist da unten der Koks-Obergangster. Er ist mächtiger als der König von Marokko.“

„Ich dachte immer, Algier liegt in Algerien“, sagte ich. Benny zeigte mir sein Blendax-Lächeln.

„Woher willst du das wissen, Jan? So wie deine Tattoos aussehen, bist du noch nicht viel rumgekommen in der Welt.“

 
Wo der Trottel Recht hatte, da hatte er Recht. Meine Tätowierungen stammten sämtlich aus dem Hamburger Knast Santa Fu und von ein paar traditionellen St. Pauli-Tattoomeistern. Ich hätte diesem Angeber gerne das Mundwerk gestopft. Aber die anderen hielten alle zu ihm. Und da ich mich nach der Sache mit meiner schnellen Klinge etwas beherrschen musste, hielt ich lieber den Mund.

 
Doch es wurde immer schlimmer mit Benny. Schon nach drei Tagen war er der King, hatte mit seiner schleimigen Art die ganze Mannschaft eingewickelt. Sogar der alte Elias fraß ihm aus der Hand.

„Das Fahrgeschäft ist ein bisschen lahm“, meinte dieser Angeber. „Wir sollten aus dem Looping eine echte Todeskurve

machen.“

Und er ließ seinen Vorschlag vom Stapel, wie man mit ein paar Umbauten die Achterbahn aufpeppen könnte. Der Chef überschlug sich fast vor Begeisterung.

„Genial, Benny“, hechelte der alte Elias. „Heute ist ja der letzte Tag in F. Wenn wir übermorgen in S. aufbauen, können wir deine Idee gleich in die Tat umsetzen!“

 
Ich hätte Benny lieber in den Hintern getreten. Inzwischen war ich der Einzige, der nicht in seinem Fanclub war. Und das ließ er mich spüren.

„Schlaf' nicht ein, Jan“, kommandierte Benny, als ich beim Aufbauen in S. hoch ins Gestänge kletterte. „Sonst fliegst du noch heute raus.“

 
Ich biss die Zähne zusammen. Doch dann kam auch mir ein Einfall. Ich bog mir dort oben ein schmales Stück Stahlblech zu passenden Wölbung und befestigte es im Gestänge. Dabei musste ich mich auf mein Augenmaß verlassen. Aber einen Zollstock hatte ich nicht dabei.

 
Endlich waren wir fertig. Benny hatte natürlich keinen Finger gerührt, sondern uns vom Erdboden aus angetrieben und Befehle erteilt. Ich sprang vom Fahrgeschäft und steckte mir eine Zigarette zwischen die Lippen.

 
„Warum machst du nicht eine Probefahrt?“, fragte ich Benny. „Dann siehst du gleich selbst, ob die Änderungen okay sind.“

Benny grinste, fuhr sich mit der Hand durch seine blonden Locken und stieg in einen der Wagen. Der alte Elias schaltete den Strom ein und warf den Motor an. Der Achterbahnwagen bekam langsam Fahrt. Er raste hoch, durch einige der harmloseren Schlaufen. Dann erreichte er den Looping. Ich hoffte, dass ich mich nicht verrechnet hatte.

 
Die Sorge war unbegründet. Es gab ein leises Geräusch, als das Stahlblech durch Bennys Hals schnitt. Im nächsten Moment fiel sein abgetrennter Kopf vor unsere Füße.

„Benny hatte Recht“, sagte ich. „Das ist jetzt eine echte Todeskurve.“

 

ENDE