Grusel im November
Heute bin ich mal in Geberlaune und veröffentliche deshalb einfach folgende Kurzgeschichte:
Kirmestypen
Gruselgeschichte von Martin Barkawitz
Die Achterbahn vom alten Elias war das
lausigste Fahrgeschäft, auf dem ich jemals geschuftet hatte. Aber was sollte
ich machen? Auf dem Jahrmarkt in K. hatte es Zoff gegeben - mein Temperament,
meine schnelle Klinge und viel Blut waren im Spiel gewesen. Elias hatte keine
Fragen gestellt und auch keine Lohnsteuerkarte sehen wollen (die ich sowieso
nicht hatte). Außerdem besaß der alte Knabe einen sechsten Sinn für
Schwarzarbeitsfahnder.
Wenn diese Chorknaben aufkreuzten, hatten
die anderen Malocher und ich schon die Biege gemacht. Na ja - dafür zahlte der
Alte unter allen Schaustellern auch die niedrigsten Hungerlöhne. Und Kost und
Logis
bestand bei ihm in Tütensuppen und einer
verwanzten Matratze im überfüllten Wohnwagen.
Wir waren jedenfalls weitergezogen und
hatten die Achterbahn auf dem Kirmes-Gelände in F. aufgebaut. Am zweiten Tag
haute Diego ab. Er wollte es wieder als Messerwerfer versuchen, obwohl er immer
noch auf Alk-Entzug war und seine Hände verdammt zitterten. Naja, nicht mein
Problem. Ich war ja nicht die blonde Puppe, die sich vor die Zielscheibe
stellen durfte.
Der alte Elias musste also einen neuen
Mann einstellen. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis er Benny aufgetan hatte.
Ich konnte den Kerl vom ersten Moment an nicht ausstehen. Benny machte einen
auf dicke Hose, wenn Sie verstehen. Ein Großmaul mit Sonnyboy-Lächeln. Man
fragte sich natürlich, warum er für drei Euro die Stunde in einem Fahrgeschäft schuften
wollte, wenn er so ein Gewinner war. Das heißt, ich fragte mich das. Die
anderen ließen sich von seinen Scheißsprüchen einlullen.
„Das hier habe ich aus Algier“, sagte er
in der Frühstückspause und präsentierte ein Tattoo auf seinem linken Unterarm. „Der
Privat-Tätowierer von Al Rash hat es mir gestochen. Das ist da unten der
Koks-Obergangster. Er ist mächtiger als der König von Marokko.“
„Ich dachte immer, Algier liegt in
Algerien“, sagte ich. Benny zeigte mir sein Blendax-Lächeln.
„Woher willst du das wissen, Jan? So wie
deine Tattoos aussehen, bist du noch nicht viel rumgekommen in der Welt.“
Wo der Trottel Recht hatte, da hatte er
Recht. Meine Tätowierungen stammten sämtlich aus dem Hamburger Knast Santa Fu
und von ein paar traditionellen St. Pauli-Tattoomeistern. Ich hätte diesem
Angeber gerne das Mundwerk gestopft. Aber die anderen hielten alle zu ihm. Und
da ich mich nach der Sache mit meiner schnellen Klinge etwas beherrschen musste,
hielt ich lieber den Mund.
Doch es wurde immer schlimmer mit Benny.
Schon nach drei Tagen war er der King, hatte mit seiner schleimigen Art die
ganze Mannschaft eingewickelt. Sogar der alte Elias fraß ihm aus der Hand.
„Das Fahrgeschäft ist ein bisschen lahm“,
meinte dieser Angeber. „Wir sollten aus dem Looping eine echte Todeskurve
machen.“
Und er ließ seinen Vorschlag vom Stapel,
wie man mit ein paar Umbauten die Achterbahn aufpeppen könnte. Der Chef überschlug
sich fast vor Begeisterung.
„Genial, Benny“, hechelte der alte Elias. „Heute
ist ja der letzte Tag in F. Wenn wir übermorgen in S. aufbauen, können wir
deine Idee gleich in die Tat umsetzen!“
Ich hätte Benny lieber in den Hintern
getreten. Inzwischen war ich der Einzige, der nicht in seinem Fanclub war. Und
das ließ er mich spüren.
„Schlaf' nicht ein, Jan“, kommandierte
Benny, als ich beim Aufbauen in S. hoch ins Gestänge kletterte. „Sonst fliegst
du noch heute raus.“
Ich biss die Zähne zusammen. Doch dann kam
auch mir ein Einfall. Ich bog mir dort oben ein schmales Stück Stahlblech zu
passenden Wölbung und befestigte es im Gestänge. Dabei musste ich mich auf mein
Augenmaß verlassen. Aber einen Zollstock hatte ich nicht dabei.
Endlich waren wir fertig. Benny hatte
natürlich keinen Finger gerührt, sondern uns vom Erdboden aus angetrieben und Befehle
erteilt. Ich sprang vom Fahrgeschäft und steckte mir eine Zigarette zwischen
die Lippen.
„Warum machst du nicht eine Probefahrt?“,
fragte ich Benny. „Dann siehst du gleich selbst, ob die Änderungen okay sind.“
Benny grinste, fuhr sich mit der Hand
durch seine blonden Locken und stieg in einen der Wagen. Der alte Elias
schaltete den Strom ein und warf den Motor an. Der Achterbahnwagen bekam
langsam Fahrt. Er raste hoch, durch einige der harmloseren Schlaufen. Dann
erreichte er den Looping. Ich hoffte, dass ich mich nicht verrechnet hatte.
Die Sorge war unbegründet. Es gab ein
leises Geräusch, als das Stahlblech durch Bennys Hals schnitt. Im nächsten
Moment fiel sein abgetrennter Kopf vor unsere Füße.
„Benny hatte Recht“, sagte ich. „Das ist
jetzt eine echte Todeskurve.“
ENDE
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