Bücherhallen - eine hamburgische Lovestory
Als es das Internet noch nicht gab, waren für mich die Filialen der öffentlichen Büchereien der Inbegriff von Informationsfülle. Dieser altehrwürdigen Institution habe ich einige der spannendsten Stunden meiner Jugend zu verdanken.
Obwohl bei uns Geld immer knapp war, habe ich mich niemals arm gefühlt, denn ich konnte ja auf einen ungeheuren Reichtum an aufregenden Romanen zurückgreifen - mehr, als ich in einem Leben jemals würde lesen können. Insgeheim träumte ich damals schon davon, Autor zu werden. Aber zunächst fand ich es angenehmer, mich durch ganze Stapel von Werken anderer Schriftsteller zu lesen. Jede Woche holte ich mir entweder aus der Filiale am Mundsburger Damm oder aus der Zentrale, die damals noch nicht am Hühnerposten war,
meinen neuesten Lesestoff. Allerdings habe ich mir damals schon eine Ungeduld und Rigorosität antrainiert, die mich noch heute im Umgang mit Ebooks prägt: Die ersten 20 Seiten eines Romans rocken nicht? Dann aber nicht die Zeit mit dem Rest verschwenden. Damals brachte ich solche Schnarch-Schmöker einfach zurück zur Ausleihe. Und heute? Einmal schnell auf "vom Gerät löschen" geklickt, und der Keks ist gebissen.
Übrigens ist das öffentliche Bibliothekswesen natürlich eine durch und durch demokratische und aufklärerische Angelegenheit, weswegen ich den Niedergang von Bibliotheken mit gemischten Gefühlen sehe. In gewisser Weise hat heutzutage der Ebook-Reader die Aufgaben einer Bücherhalle übernommen, jedenfalls bei mir. Und wer sich nicht von kommerziellen Anbietern abhängig machen will, findet auch bei Projekt Gutenberg und ähnlichen Non-Profit-Organisationen jede Menge Lesestoff.


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