Bücherhallen - eine hamburgische Lovestory
Als es das Internet noch nicht gab, waren für mich die Filialen der öffentlichen Büchereien der Inbegriff von Informationsfülle. Dieser altehrwürdigen Institution habe ich einige der spannendsten Stunden meiner Jugend zu verdanken.
Obwohl bei uns Geld immer knapp war, habe ich mich niemals arm gefühlt, denn ich konnte ja auf einen ungeheuren Reichtum an aufregenden Romanen zurückgreifen - mehr, als ich in einem Leben jemals würde lesen können. Insgeheim träumte ich damals schon davon, Autor zu werden. Aber zunächst fand ich es angenehmer, mich durch ganze Stapel von Werken anderer Schriftsteller zu lesen. Jede Woche holte ich mir entweder aus der Filiale am Mundsburger Damm oder aus der Zentrale, die damals noch nicht am Hühnerposten war,
meinen neuesten Lesestoff. Allerdings habe ich mir damals schon eine Ungeduld und Rigorosität antrainiert, die mich noch heute im Umgang mit Ebooks prägt: Die ersten 20 Seiten eines Romans rocken nicht? Dann aber nicht die Zeit mit dem Rest verschwenden. Damals brachte ich solche Schnarch-Schmöker einfach zurück zur Ausleihe. Und heute? Einmal schnell auf "vom Gerät löschen" geklickt, und der Keks ist gebissen.
Übrigens ist das öffentliche Bibliothekswesen natürlich eine durch und durch demokratische und aufklärerische Angelegenheit, weswegen ich den Niedergang von Bibliotheken mit gemischten Gefühlen sehe. In gewisser Weise hat heutzutage der Ebook-Reader die Aufgaben einer Bücherhalle übernommen, jedenfalls bei mir. Und wer sich nicht von kommerziellen Anbietern abhängig machen will, findet auch bei Projekt Gutenberg und ähnlichen Non-Profit-Organisationen jede Menge Lesestoff.
Martin Barkawitz Autorenblog
Mittwoch, 13. November 2013
Montag, 11. November 2013
Grusel im November
Heute bin ich mal in Geberlaune und veröffentliche deshalb einfach folgende Kurzgeschichte:
Wir waren jedenfalls weitergezogen und
hatten die Achterbahn auf dem Kirmes-Gelände in F. aufgebaut. Am zweiten Tag
haute Diego ab. Er wollte es wieder als Messerwerfer versuchen, obwohl er immer
noch auf Alk-Entzug war und seine Hände verdammt zitterten. Naja, nicht mein
Problem. Ich war ja nicht die blonde Puppe, die sich vor die Zielscheibe
stellen durfte.
Der alte Elias musste also einen neuen
Mann einstellen. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis er Benny aufgetan hatte.
Ich konnte den Kerl vom ersten Moment an nicht ausstehen. Benny machte einen
auf dicke Hose, wenn Sie verstehen. Ein Großmaul mit Sonnyboy-Lächeln. Man
fragte sich natürlich, warum er für drei Euro die Stunde in einem Fahrgeschäft schuften
wollte, wenn er so ein Gewinner war. Das heißt, ich fragte mich das. Die
anderen ließen sich von seinen Scheißsprüchen einlullen.
„Das hier habe ich aus Algier“, sagte er
in der Frühstückspause und präsentierte ein Tattoo auf seinem linken Unterarm. „Der
Privat-Tätowierer von Al Rash hat es mir gestochen. Das ist da unten der
Koks-Obergangster. Er ist mächtiger als der König von Marokko.“
Wo der Trottel Recht hatte, da hatte er
Recht. Meine Tätowierungen stammten sämtlich aus dem Hamburger Knast Santa Fu
und von ein paar traditionellen St. Pauli-Tattoomeistern. Ich hätte diesem
Angeber gerne das Mundwerk gestopft. Aber die anderen hielten alle zu ihm. Und
da ich mich nach der Sache mit meiner schnellen Klinge etwas beherrschen musste,
hielt ich lieber den Mund.
Doch es wurde immer schlimmer mit Benny.
Schon nach drei Tagen war er der King, hatte mit seiner schleimigen Art die
ganze Mannschaft eingewickelt. Sogar der alte Elias fraß ihm aus der Hand.
Ich hätte Benny lieber in den Hintern
getreten. Inzwischen war ich der Einzige, der nicht in seinem Fanclub war. Und
das ließ er mich spüren.
Ich biss die Zähne zusammen. Doch dann kam
auch mir ein Einfall. Ich bog mir dort oben ein schmales Stück Stahlblech zu
passenden Wölbung und befestigte es im Gestänge. Dabei musste ich mich auf mein
Augenmaß verlassen. Aber einen Zollstock hatte ich nicht dabei.
Endlich waren wir fertig. Benny hatte
natürlich keinen Finger gerührt, sondern uns vom Erdboden aus angetrieben und Befehle
erteilt. Ich sprang vom Fahrgeschäft und steckte mir eine Zigarette zwischen
die Lippen.
„Warum machst du nicht eine Probefahrt?“,
fragte ich Benny. „Dann siehst du gleich selbst, ob die Änderungen okay sind.“
Die Sorge war unbegründet. Es gab ein
leises Geräusch, als das Stahlblech durch Bennys Hals schnitt. Im nächsten
Moment fiel sein abgetrennter Kopf vor unsere Füße.
Heute bin ich mal in Geberlaune und veröffentliche deshalb einfach folgende Kurzgeschichte:
Kirmestypen
Gruselgeschichte von Martin Barkawitz
Die Achterbahn vom alten Elias war das
lausigste Fahrgeschäft, auf dem ich jemals geschuftet hatte. Aber was sollte
ich machen? Auf dem Jahrmarkt in K. hatte es Zoff gegeben - mein Temperament,
meine schnelle Klinge und viel Blut waren im Spiel gewesen. Elias hatte keine
Fragen gestellt und auch keine Lohnsteuerkarte sehen wollen (die ich sowieso
nicht hatte). Außerdem besaß der alte Knabe einen sechsten Sinn für
Schwarzarbeitsfahnder.
Wenn diese Chorknaben aufkreuzten, hatten
die anderen Malocher und ich schon die Biege gemacht. Na ja - dafür zahlte der
Alte unter allen Schaustellern auch die niedrigsten Hungerlöhne. Und Kost und
Logis
bestand bei ihm in Tütensuppen und einer
verwanzten Matratze im überfüllten Wohnwagen.
„Ich dachte immer, Algier liegt in
Algerien“, sagte ich. Benny zeigte mir sein Blendax-Lächeln.
„Woher willst du das wissen, Jan? So wie
deine Tattoos aussehen, bist du noch nicht viel rumgekommen in der Welt.“
„Das Fahrgeschäft ist ein bisschen lahm“,
meinte dieser Angeber. „Wir sollten aus dem Looping eine echte Todeskurve
machen.“
Und er ließ seinen Vorschlag vom Stapel,
wie man mit ein paar Umbauten die Achterbahn aufpeppen könnte. Der Chef überschlug
sich fast vor Begeisterung.
„Genial, Benny“, hechelte der alte Elias. „Heute
ist ja der letzte Tag in F. Wenn wir übermorgen in S. aufbauen, können wir
deine Idee gleich in die Tat umsetzen!“
„Schlaf' nicht ein, Jan“, kommandierte
Benny, als ich beim Aufbauen in S. hoch ins Gestänge kletterte. „Sonst fliegst
du noch heute raus.“
Benny grinste, fuhr sich mit der Hand
durch seine blonden Locken und stieg in einen der Wagen. Der alte Elias
schaltete den Strom ein und warf den Motor an. Der Achterbahnwagen bekam
langsam Fahrt. Er raste hoch, durch einige der harmloseren Schlaufen. Dann
erreichte er den Looping. Ich hoffte, dass ich mich nicht verrechnet hatte.
„Benny hatte Recht“, sagte ich. „Das ist
jetzt eine echte Todeskurve.“
ENDE
Freitag, 6. September 2013
Doppelmond Saga: 5 Wege, deine Texte besser zu machen!
Doppelmond Saga: 5 Wege, deine Texte besser zu machen!: 1. Bilde dich weiter! Um ein gutes Buch schreiben zu können, ist es wichtig, sich weiterzubilden. Solche Quellen nicht anzuzapfe...
Sonntag, 25. August 2013
Kostümlesung - die Premiere
Ich habe gestern gelernt, dass sich eine Lesung in Gehrock und Zylinder definitiv besser für die kühle Jahreszeit eignet. Andererseits waren dank des schönen Sommerwetters zahlreiche Interessenten beim Tag der offenen Tür in der Volkshochschule Osnabrück, von denen sich so manche auch für unsere Texte interessierten.
Einige Teilnehmerinnen meines Krimi-Workshops trugen spannende Szenen vor, die Lust auf mehr machten. Und natürlich gibt es auch im laufenden Semester wieder einen Schreibkurs mit mir, der allerdings schon ausgebucht ist. Aber im Herbst geht es dann mit einer neuen Idee weiter ...
Donnerstag, 22. August 2013
Stephen Kings Methode
Horror-Altmeister Stephen King pflegt beim Schreiben seine Hauptfigur gerne in eine möglichst ausweglose Situation zu bringen, aus der sie sich dann wieder befreien muss. Dieses Verfahren ist super, ich wende es selbst gerne bei meinem aktuellen Armenhaus-Projekt an. Tja, meine Protagonistin Julia Kern muss leider ein wenig durch die Hölle gehen ...
Autoren, die sich detaillierter mit Stephen Kings Arbeitstechnik beschäftigen wollen, empfehle ich sein autobiografisches Buch "Das Leben und das Schreiben". Es steht inzwischen übrigens auch in vielen Stadtbüchereien ;-)
Horror-Altmeister Stephen King pflegt beim Schreiben seine Hauptfigur gerne in eine möglichst ausweglose Situation zu bringen, aus der sie sich dann wieder befreien muss. Dieses Verfahren ist super, ich wende es selbst gerne bei meinem aktuellen Armenhaus-Projekt an. Tja, meine Protagonistin Julia Kern muss leider ein wenig durch die Hölle gehen ...
Autoren, die sich detaillierter mit Stephen Kings Arbeitstechnik beschäftigen wollen, empfehle ich sein autobiografisches Buch "Das Leben und das Schreiben". Es steht inzwischen übrigens auch in vielen Stadtbüchereien ;-)
Dienstag, 20. August 2013
Reden ist Silber, Schreiben ist Gold
Es gibt eine schöne Anekdote über Sinclair Lewis: Als der alkoholkranke amerikanische Nobelpreisträger einst einen Vortrag an der Universität von Harvard halten sollte, forderte er das Publikum auf, durch Handzeichen bekanntzugeben, wer denn gerne ein Schriftsteller werden wollte. Beinahe alle Hände gingen hoch. Darauf sprach Sinclair Lewis: "Then why the hell aren't you at home writing?"
Und verließ torkelnd die Bühne.
Diese Geschichte gefällt mir sogar, falls sie sich niemals wirklich ereignet haben sollte. Auch der deutsche Western-Autor und Auflagen-Millionär G. F. Unger stieß - in stocknüchternem Zustand - in das gleiche Horn: "Das Reden ist meine Sache nicht."
Wohlgemerkt spricht nichts gegen zwischenmenschliche verbale Kommunikation. Aber das Schreiben an sich bringt unendlich viel mehr Gewinn für die Autorenlaufbahn als das Reden über das Schreiben ... das wird dann nämlich oftmals zur Aus-Rede, um sich selbst am Produzieren zu hindern ... ;-)
Es gibt eine schöne Anekdote über Sinclair Lewis: Als der alkoholkranke amerikanische Nobelpreisträger einst einen Vortrag an der Universität von Harvard halten sollte, forderte er das Publikum auf, durch Handzeichen bekanntzugeben, wer denn gerne ein Schriftsteller werden wollte. Beinahe alle Hände gingen hoch. Darauf sprach Sinclair Lewis: "Then why the hell aren't you at home writing?"
Und verließ torkelnd die Bühne.
Diese Geschichte gefällt mir sogar, falls sie sich niemals wirklich ereignet haben sollte. Auch der deutsche Western-Autor und Auflagen-Millionär G. F. Unger stieß - in stocknüchternem Zustand - in das gleiche Horn: "Das Reden ist meine Sache nicht."
Wohlgemerkt spricht nichts gegen zwischenmenschliche verbale Kommunikation. Aber das Schreiben an sich bringt unendlich viel mehr Gewinn für die Autorenlaufbahn als das Reden über das Schreiben ... das wird dann nämlich oftmals zur Aus-Rede, um sich selbst am Produzieren zu hindern ... ;-)
Mittwoch, 14. August 2013
Ray Bradburys Klassik-Tipps
Wer auch immer sich für Science Fiction interessiert, kommt an Rad Bradbury nicht vorbei. Der in hohem Alter verstorbene SF-Vorreiter war aber nicht nur ein fleißiger Autor, sondern auch ein weiser Lehrmeister: Sein Büchlein Zen in der Kunst des Schreibens ist eigentlich Pflichtlektüre für jeden, der sich auch nur ein wenig sowohl für creative writing als auch für Buddhismus interessiert.
Im Grunde beschränken sich seine Ratschläge in kärglicher Zen-Manier auf folgendes:
- Arbeiten
- Entspannen
- Nicht denken
Und ob ihr es glaubt oder nicht, liebe Leser: Mit diesem Dreisatz kann man wirklich so manches Werk zu Papier bringen, und zwar schneller, als man es selbst für möglich gehalten hätte. Ob der Altmeister sich selbst an diesen Tipp gehalten hat? Ich weiß es nicht, ich bin kein Bradbury-Biograf. Aber wenn man sich seinen Produktionsausstoß anschaut, könnte etwas dran sein ...
Wer auch immer sich für Science Fiction interessiert, kommt an Rad Bradbury nicht vorbei. Der in hohem Alter verstorbene SF-Vorreiter war aber nicht nur ein fleißiger Autor, sondern auch ein weiser Lehrmeister: Sein Büchlein Zen in der Kunst des Schreibens ist eigentlich Pflichtlektüre für jeden, der sich auch nur ein wenig sowohl für creative writing als auch für Buddhismus interessiert.
Im Grunde beschränken sich seine Ratschläge in kärglicher Zen-Manier auf folgendes:
- Arbeiten
- Entspannen
- Nicht denken
Und ob ihr es glaubt oder nicht, liebe Leser: Mit diesem Dreisatz kann man wirklich so manches Werk zu Papier bringen, und zwar schneller, als man es selbst für möglich gehalten hätte. Ob der Altmeister sich selbst an diesen Tipp gehalten hat? Ich weiß es nicht, ich bin kein Bradbury-Biograf. Aber wenn man sich seinen Produktionsausstoß anschaut, könnte etwas dran sein ...
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